

Im Gegensatz zu anderen Naturschutzverbänden hat sich der LJV noch nicht abschließend entschieden
Die Einrichtung eines Nationalparks in Baden-Württemberg ist als Ziel der grün-roten Landesregierung in den Koalitionsvertrag aufgenommen worden. Möglicher Standort für ein solches Schutzgebiet ist der Nordschwarzwald, weil er einige dafür notwendigen Voraussetzungen (große, unzerschnittene Räume, hoher Anteil an Landesflächen) aufweist.
Rund zwanzig Jahre nach dem ersten, vergeblichen Vorstoß, im Nordschwarzwald ein solches Schutzgebiet zu etablieren, will die Landesregierung nun einen neuen Anlauf wagen. Gemäß der Prämisse, eine „Politik des Zuhörens“ zu betreiben, die viel auf die Meinung Betroffener gibt, fand am 24. September in Bad Wildbad (Landkreis Calw) eine ganztätige Fachtagung mit dem Thema „Ist ein Nationalpark im Nordschwarzwald möglich?“ statt. Bei der Veranstaltung wurde vormittags über die Vorteile eines Nationalparks informiert, nachmittags diskutierten rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in moderierten offenen Foren und themenorientierten Arbeitskreisen über Fragen und Anregungen aus der regionalen Wirtschaft, der Säge- und Holzindustrie, Forstwirtschaft, Jagd und Landwirtschaft sowie den Bereichen Naturschutz, Tourismus, gesellschaftliche Interessen und Kommunalentwicklung.
Die Fragen und Anregungen aus den o. g. Bereichen sollen einfließen in ein Fachgutachten, das unabhängige Prüfer im Auftrag des MLR erarbeiten werden.
Welche Vorteile soll ein Nationalpark bringen?
Für den Natur- und Artenschutz werden Vorteile erwartet, weil sich die Natur auf großer Fläche und vom Menschen weitgehend unbeeinflusst entwickeln kann. Gerade in Waldökosystemen erfahren die Artenvielfalt und auch seltene Arten gerade in der Reife –und Zerfallsphase eine enorme Förderung. Nationalparke sind auch Freiluftlaboratorien und Orte für Umweltbildung, Naturerlebnis und Erholung. Für den Tourismus, aber auch für Einzelhandel und Gewerbe werden von einem Nationalpark für die Region wichtige Impulse erwartet.
Dass nicht alle von den „Wohlfahrtswirkungen“ die durch die Einrichtung eines Nationalparks in der alten Kulturlandschaft im Nordschwarzwald erwartet werden, schon überzeugt sind, zeigte sich am 24. September vor der Halle und auf den Zufahrtsstraßen nach Bad Wildbad: Zahlreiche Demonstranten begrüßten Minister Bonde mit Transparenten und Plakaten, auf denen sie deutlich ihre Ablehnung für das Vorhaben zu verstehen gaben, ebenso wie die Vertreter der Säge- und Holzindustrie und der Forstwirtschaft, die durch ein eindrucksvolles Fahrzeugkorso ihren Sorgen Ausdruck verlieh, dass der Borkenkäfer im Wald das Regiment übernimmt und die vom Holz lebenden Betriebe und ihre Familien unter der Ausweisung des Reservates leiden.
Der Landesjagdverband, der durch Vertreter der Geschäftsstelle und Jägerinnen und Jägern von Jägervereinigungen aus der betroffenen Region bei der Auftaktveranstaltung präsent war, hat sich zu einem möglichen Nationalpark Nordschwarzwald noch nicht abschließend positioniert.
Als anerkannter Naturschutzverband müssen wir mögliche Vorteile für die Natur in einem solchen Großschutzgebiet anerkennen. Wir werden unsere Haltung aber letztendlich auch davon abhängig machen müssen, wie in einem Nationalpark Wildtiere und Jagd behandelt werden sollen.
Wir haben -wie andere Gruppierungen auch – gefragt, welchen Mehrwert für den Natur- und Artenschutz ein Nationalpark gegenüber den jetzt schon existierenden Schutzgebieten bringt. Für uns ist es wichtig, welche Rolle Wildtiere – insbesondere die Leitarten Auerwild und Rotwild – in einem Nationalpark spielen werden und wie mit den Schalenwildarten umgegangen wird: Hat das Auerwild ein Chance, wenn die Vorgaben des Aktionsplans Auerwild nicht mehr umgesetzt werden können? Ist der Rothirsch eher Schädling oder aber als wichtiger Bestandteil der Lebensgemeinschaft im Nationalpark Landschaftsgestalter und – pfleger?
Soll im Nationalpark noch gejagt werden oder wird über ein „professionelles Wildtiermanagement“ mit Wintergattern und Saufängen in die Population von Wildtieren eingegriffen? Wie wird mit „Grenzkonflikten“ am Rande des Nationalparks umgegangen – also z.B. der Frage von Wildschäden durch, die außerhalb des Schutzgebiets durch Schwarz- oder Rotwild aus dem Schutzgebiet heraus verursacht werden?
Wenn das Fachgutachten auf unsere kritischen Fragen überzeugende Antworten findet, sind wir zu einer ergebnisoffenen Diskussion bereit. Letztendlich sollten aber vor allem die Betroffenen vor Ort bei einer Entscheidung über einen Nationalpark im Nordschwarzwald ein gehöriges Wörtchen mitreden dürfen!