150 Rehkitze gerettet

Erstmals waren in diesem Sommer zwei Vereine im Kreis bei der Rehkitzrettung aktiv – ausgestattet mit Drohnen und Wärmebildkameras. Die Jägervereinigung Ludwigsburg und die Kitzretter Großbottwar ziehen beide eine positive Bilanz, sehen aber auch noch Optimierungsbedarf.

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„Man könnte noch viel mehr machen, aber wir hätten das in diesem Jahr nicht geschafft. Wir waren an der Kapazitätsgrenze“, sagt Sascha Neib, der die Rehkitzrettung der Jägervereinigung Ludwigsburg koordiniert hat. Von Mai bis Anfang Juli haben die freiwilligen Helfer 136 Felder im Kreis abgeflogen und dabei 114 Kitze vor dem Mähtod gerettet. Mitgerechnet sind sowohl die Tiere, die sie in Körben aus dem Feld getragen haben, als auch die, die sie beim Überflug mit der Drohne vergrämt, also vertrieben haben. Zudem wurden dabei laut Sascha Neib mehrere Rebhuhngelege in Sicherheit gebracht.

„Es gibt ganz aktive Mitglieder, die fast bei jedem Einsatz dabei waren“, sagt der Koordinator über die etwa 20-köpfige Gruppe. „Aber 4 oder 5 Uhr am Morgen ist halt keine schöne Zeit.“ Dennoch seien alle mit Herzblut dabei gewesen und hätten jedes gerettete Kitz gefeiert. In der Regel sind die Teams so früh tätig, weil sich die Tiere bei niedrigen Temperaturen per Wärmebildkamera am besten erkennen lassen. Doch es gab auch einige Einsätze am Abend. „Unsere beiden Drohnen waren gut ausgelastet, Mitte Juni hätten wir auch vier haben können“, so Sascha Neib. Im Westen der A 81 habe sich das Angebot schnell herumgesprochen, im Osten des Kreises sieht er dagegen noch besonders Luft nach oben. Auch gemeindeeigene Flächen seien nicht angemeldet worden. 

Kostenloses Angebot für verpflichtende Suche

Im Bottwartal erstmals im Einsatz waren die Kitzretter Großbottwar und haben 36 Kitze aus 68 Wiesen gerettet. „Wir waren froh, dass wir mangels Bekanntheit noch nicht überrannt worden sind“, so Erik Müller, der aber zugleich hofft, dass sich das kostenlose Angebot bei Landwirten und Wiesenbesitzern noch weiter herumspricht. „Es wäre klasse, wenn sich weitere Helfer und Förderer bei uns melden würden“, so der Steinheimer. Auch angesichts der teuren Ausrüstung sind die Rehkitzretter darauf angewiesen. Deshalb hat es Sascha Neib besonders gefreut, dass bei der Mitgliederversammlung der Kreisjäger eine Spende für die Kitzrettung in Höhe von 5000 Euro getätigt wurde. Doch selbst das reicht noch nicht für ein Gesamtpaket: Die Kosten für eine Drohne mit vier Akkus, Wärmebildkamera, Monitor und Stativ belaufen sich auf knapp 10 000 Euro.

Die kommenden Monate will die Jägervereinigung nutzen, um sich zum Thema verstärkt mit Landwirten auszutauschen. „Die Erfahrungswerte sind Gold wert, einiges müssen wir definitiv anders machen“, resümiert Sascha Neib. Etwa die Einsätze klarer strukturieren, damit nicht mehr Helfer vor Ort seien, als man tatsächlich brauche. „Diesmal wollten wir aber noch nicht intervenieren, denn wenn man schon mal Leute hat, die sich engagieren …“ Die Rückmeldungen der Landwirte beschreibt er als durchweg positiv. Diese sind verpflichtet, Flächen vor dem Mähen abzusuchen. Durch den Einsatz von Drohnen entfällt das zeitaufwendigere und ungenauere Ablaufen zu Fuß. Allerdings ist eine Abstimmung erforderlich, damit zwischen Sucheinsatz und Mähen möglichst wenig Zeit vergeht.

Viele Jäger, aber auch Nichtjäger beteiligt

Um Hand an die Kitze anlegen zu dürfen, muss der jeweilige Jagdpächter vor Ort sein. Das erklärt, warum sich bei der Kitzrettung viele Jäger einbringen. Allerdings waren bei der Jägervereinigung nun auch rund die Hälfte der Freiwilligen Nichtjäger. Doch warum rettet man Kitze so aufwendig, wenn man sie später ohnehin bei der Jagd erschießt? „Man muss kein Tier unnötigen Qualen aussetzen“, sagt Sascha Neib. „Der Mähtod ist anders einzustufen als die Jagd.“ Außerdem würden Kitze und Geißen, die ab dem 1. September gejagt werden dürfen, zu einem hochwertigen Lebensmittel verarbeitet. Bei qualvoll vermähten Kitzen bleibe dagegen nur die Kadaversammelstelle. Der Bestand an Rehen wachse derzeit jedes Jahr mehr, als man Exemplare bei der Jagd erlege.

Die Kitzretter haben außerdem beobachtet, dass die Geißen über einen unüblich langen Zeitraum Junge gesetzt haben. „Es gab kleine Kitze, die eigentlich schon drei Wochen früher hätten zur Welt kommen sollen“, so Sascha Neib. Ob das mit dem Wetter zu tun hat, kann er nicht sicher sagen. Er vermutet aber, dass Einflüsse von außen, wie Unruhe in der Natur etwa durch Sporttreibende am frühen Morgen oder Lärm durch Quads, ihren Anteil daran haben.

Von negativen Erlebnissen mit Hunden berichten die Kitzretter Großbottwar. So wurde laut Erik Müller einmal eine Geiß mit Kitz von einem Hund gerissen, der nicht angeleint war. Ein weiterer freilaufender Hund habe eine Helferin während eines Einsatzes in den Ellenbogen gebissen. Beide Male hätten die Hundeführer keine Einsicht gezeigt und man habe die Vorfälle zur Anzeige gebracht. Anders als in anderen Ländern gibt es in Baden-Württemberg während der Brut- und Setzzeit zwar keine Leinenpflicht. Wenn Besitzer ihre Hunde nicht unter Kontrolle haben, ist das aber eine Ordnungswidrigkeit.

Autor: Stephanie Nagel ​​​​​​​