„Wildschwein riecht wie Maggi“

Am besten kommen Sie dafür einmal mit auf eine Runde in meinem Revier“, sagt Jägerin Andrea Maurer auf die BZ-Anfrage, wie man als Frau zur Jagd komme und was das Jägerwesen heute ausmache.

Erstellt am 23.02.2019

Landkreis Ludwigsburg / Frank Ruppert 23.02.2019

Am besten kommen Sie dafür einmal mit auf eine Runde in meinem Revier“, sagt Jägerin Andrea Maurer auf die BZ-Anfrage, wie man als Frau zur Jagd komme und was das Jägerwesen heute ausmache. Der Deutsche Jagdverband meldet, dass sich immer mehr Frauen für Waidmannsheil und Co interessieren. Die Zahlen der Jagdkursteilnehmerinnen seien in den vergangenen Jahren um 20 Prozent gestiegen. Was macht den Reiz am Jagen aus?

Beim Treffen in ihrem Revier in Remseck wirkt Andrea Maurer äußerlich zunächst so, wie man sich eine Jägerin vorstellt: Gewehr, Fernglas, Jagdhund und in Tarnfarben gekleidet. „Normalerweise habe ich bei meiner täglichen Runde kein Gewehr dabei“, sagt die Jägerin lächelnd. Für die Zeitung hat sie heute eine Ausnahme gemacht und den ungeladenen Sauer-Drilling aus den 60er-Jahren dabei.

Nach einer kurzen Begrüßung geht es vom Parkplatz direkt in den Wald. „Wir haben ein 370 Hektar großes Revier“, sagt Maurer. Mit „wir“ sind sie und ihr Ehemann gemeint. Erst machte er den Jagdschein und dann folgte sie vor rund zwölf Jahren. „Das ist ganz häufig so, dass Frauen über ihre Männer zur Jagd kommen oder auch grundsätzlich die Familie.“ Sie kennt sich aus, denn Maurer ist in der Jägervereinigung Ludwigsburg, die Jäger aus dem ganzen Kreis vereint, Jugendobfrau. Im Landkreis haben 140 Frauen einen Jagdschein, das sind 10,5 Prozent aller Jagdscheininhaber. Vor fünf Jahren waren es nur 9,5 Prozent und im aktuellen Jagdkurs seien von 19 Anwärtern sechs weiblich. Die These, dass Frauen vor allem wegen der Arbeit mit dem Hund Jägerin werden, hält Maurer für falsch: „Das ist, als würde man sich einen Anzug kaufen, weil einem ein Knopf gefalle. Zur Jagd gehört so viel mehr.“

Für Maurer gehört vor allem die Kenntnis der Natur und der Tiere im Wald dazu. Sie ist auch Naturpädagogin des Landesjagdverbands und zeigt Schulklassen immer wieder welche Spuren im Wald zu finden oder wie sich Wildtiere verhalten. „Ich lasse die Kinder dann auch echte Felle anfassen oder erkläre ihnen, wie etwa ein Fuchs riecht, nämlich vor allem sehr streng. Wenn es allerdings im Wald nach Maggi riecht, war meist ein Wildschwein da.“

Beim täglichen Rundgang („wir tun das natürlich auch weil der Hund raus muss“) achtet die Jägerin fast schon instinktiv auf alle Tiere im Wald. Es gehe eben nicht nur um das Töten, Maurer beobachtet von der Taube über den Waschbär und den Fuchs bis hin zum Rehwild das ganze Jahr über die Populationen. „Zur Bestandsgröße der Wildtierarten im Revier haben wir einen ungefähren Überblick“, sagt sie. Das sei Voraussetzung für die Jagd, die eben nicht darauf abziele einzelne Arten in einem Gebiet auszulöschen, sondern den Bestand zu kontrollieren.

Gejagt werde aber natürlich auch, wenn nicht gerade Schonzeit ist, wie aktuell. Pro Jahr schießen sie und ihr Mann in ihrem Revier 12 bis 15 Rehe, häufig unter anderem auch Füchse und Waschbären. „Ab und zu auch einen Hasen zum Verzehr, aber es gibt hier wenig Hasen. Auch wenn der Bestand hier in den vergangenen Jahren wieder im Aufwind ist“, erzählt Maurer. Das Versorgen oder Töten gehört dazu, auch wenn ein Wildtier in der Nähe von einem Auto angefahren wird. „Dann wird der Jäger von der Polizei verständigt und der muss dann das Tier von seinen Qualen erlösen“, so Andrea Maurer.

Der Rundgang durch einen Teil ihres Reviers hat an diesem Nachmittag mehr den Charakter eines Spaziergangs, aber dann wird doch klar, dass Maurer den Wald mit anderen Augen sieht. Mithilfe ihrer Hündin Birka wird sie auf eine Taube aufmerksam, die sich am Boden hockend kaum bewegt. „Da müssen wir nachher schauen, ob sie verletzt ist“, sagt die Jägerin. Im Fall der Fälle müsse sie das Tier töten, an Ort und Stelle. „Man darf ein verletztes Wildtier nicht einfach so transportieren“, weiß die Fachfrau.

Dass der Jagdhund Birka eine lange Ausbildung hinter sich hat, merkt man nicht auf den ersten Blick. Mit ihren neun Jahren ist sie aufgeweckt und schnuppert unentwegt Fährten. „Die Ausbildung mit dem Tier dauert zwei Jahre. Das ist weit mehr als bloßes Gehorsamstraining“, sagt die Jägerin. Zum Beweis lässt sie kurz die Leine los und ruft „down“. Birka legt sich hin und verharrt absolut still auf dem Boden. Auch das korrekte Apportieren der Beute etwa aus dem Neckar und das Vorgehen bei der Jagd generell müssen einstudiert werden. „Der Hund darf mir zum Beispiel die Beute nicht einfach vor die Füße legen, sondern muss auf ein Zeichen dafür warten“, erzählt Maurer.

Der Spaziergang durch den Wald geht weiter und an einer unscheinbaren Stelle verlässt die Jägerin den Weg. Nach einigen Metern zeigt sie warum: „Hier sind überall Löcher, weil wir uns auf einem natürlichen Fuchsbau befinden“, sagt sie und mit einer ausholenden Armbewegung fügt sie hinzu „in dem ganzen Bereich gibt es überall Eingänge, da muss man aufpassen nicht in einer Loch zu treten“. Der Bau hat einen Radius von 10 bis 15 Metern. Längst nicht alle Eingänge werden benutzt, das erkennt man daran, dass bei manchen viel Laub liegt. Die Eingänge sind dagegen weitestgehend frei. Aber nicht nur Füchse nutzen den Bau, sondern auch Dachse. „Wo es Kaninchen gibt, gehören die auch zu den Bewohnern. Obwohl die Tierarten Fressfeinde sind, bewohnen sie einen Bau und tun sich dort auch gegenseitig nichts“, erklärt die Jägerin.

Diese Verbundenheit zur Natur macht für Maurer einen Reiz des Jägerdaseins aus. Natürlich gehört aber auch die Jagd selbst dazu. Sie nimmt regelmäßig an Treibjagden teil und muss immer wieder Schießübungen absolvieren. Die Jagd im Revier empfindet sie dabei als etwas fast Meditatives: „Wenn man früh morgens stundenlang auf dem Hochsitz ist und die Umgebung betrachtet, ist das für mich fast wie zu meditieren.“

Eine umfangreiche Ausrüstung und Ausbildung, viel Arbeit und Verantwortung – die Jagd ist ein anspruchsvolles Hobby. „Das ist viel mehr als ein Hobby“, sagt Maurer. Schon die lange Tradition der Jäger und der gesamte Lebensstil beeinflussten den Alltag viel mehr als für ein Hobby üblich, sagt die Jägerin, die die Traditionen hochhalten will und deshalb auch viel Jägersprache verwendet. Ganz wichtig ist ihr neben der Berücksichtigung aktueller wildtierbiologischer Erkenntnisse auch der Respekt vor den Tieren. Die können auch Jägern ans Herz wachsen. Da kann der Abschuss auch mal schwerfallen, für einen Jäger gehört das aber einfach dazu.

Hinzu kommt ein anderer Aspekt der gerade in der heutigen Zeit, wo es sehr um artgerechte Haltung gehe, nicht zu verachten sei: „Nirgends bekommt man besseres Fleisch, weil die Tiere völlig frei leben und ohne Stress für sie, getötet werden.“

https://www.swp.de/suedwesten/landkreise/lk-ludwigsburg/_wildschwein-riecht-wie-maggi_-30075720.html

Erstellt am 23.02.2019
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